„Siehe, ich mache alles neu“ (Off 21,5) , über diesen Vers aus der Offenbarung des Johannes hat Martin Luther King in seinen letzten Tagen gepredigt. Am 31. März 1968 hat er wenige Tage vor seiner Ermordung am 4. April 1968 in der National Cathedral (Episcopal) in Washington den Gottesdienst gehalten.
Seine Worte, die er vor über einem halben Jahrhundert gesprochen hat, klingen heute, als wären sie an uns gerichtet: „Zunächst einmal sind wir aufgefordert, eine globale Perspektive zu entwickeln. Kein Mensch kann für sich allein leben, keine Nation kann für sich allein leben, und wer glaubt, er könne für sich allein leben, verschläft eine Revolution. Die Welt, in der wir leben, ist geografisch gesehen eine Einheit. Die Herausforderung, vor der wir heute stehen, besteht darin, sie auch im Sinne der Brüderlichkeit zu einer Einheit zu machen.“ Einzig die Brüderlichkeit würde ich durch Geschwisterlichkeit ersetzen, seine Aufforderung bleibt auch nach so langer Zeit richtig.
„Our world is a neighborhood“ – die Welt ist ein gemeinsamer Lebensraum, durchzogen von Netzwerken der Gegenseitigkeit. Niemand lebt für sich allein.
Und doch erleben wir, wie genau diese Einsicht unter Druck gerät. Wer für Geschwisterlichkeit eintritt, wer sie lebt und einfordert, lebt gefährlich. Nicht nur in den USA, auch in Europa wird der Zusammenhalt der Welt nationalen Interessen untergeordnet. Dabei zeigt sich gerade in diesen Tagen, wie eng alles miteinander verbunden ist. Was irgendwo geschieht, bleibt nicht dort.
Menschen wie Martin Luther King Jr. haben diese Spannung ausgehalten. Sie wussten um die Konsequenzen – und haben sich dennoch gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Ungerechtigkeit gestellt.
Ich habe davor Hochachtung. Er ist nicht müde geworden, sich für eine Vision von Gesellschaft einzusetzen, die von Respekt, Nächstenliebe und Versöhnung geprägt war. Seine letzte Predigt endet mit den Worten „I´m not fearing any man. Mine eyes have Seen the glory of the coming of the Lord.“ Das ist kein triumphaler Abschluss. Es ist ein Bekenntnis.
Oder anders gesagt: Nicht die Wirklichkeit wie sie ist, hat das letzte Wort. Sondern die, die im Kommen ist.
