Abyssinian Baptiste Church, Harlem, Manhattan, New York. Die älteste afrikanisch-amerikanische Gemeinde versammelt sich um 10 Uhr am Odell Clark Place. Taxis hupen, weil kein Durchkommen ist, aus den Autos steigen festlich gekleidete Frauen mit bunten Hüten aus, viele Männer tragen Anzug und Krawatte. Die Menschen reden, umarmen sich. Mein erster Gottesdienstbesuch hier liegt dreißig Jahre zurück. Es gibt nicht viele Gottesdienste, die ich in lebendiger Erinnerung behalte, die wenigen Gottesdienste, die ich in der Abyssinian Baptiste Church gefeiert habe, bleiben haften. 

Was hier zu hören ist: Predigen als Kunst: Tiefgründig, mitreißend, unterhaltsam. Kein abgelesener, verschachtelter Text, der für das Ohr zu kompliziert ist, sondern ein rhetorisch engagierte und brillante Predigt, gesprochene Sprache, mit Sätzen die ins Herz gehen. Pastorin Dr. Nicole Showell legt die Geschichte von Thomas und Jesus aus dem Johannesevangelium aus. Sie tritt mit den 300 Gottesdienstbesuchern förmlich in einen Dialog, sie wirbt um uns, die zuhören: Was sind das für Wunden, die jeder von uns hat? Was machen wir mit ihnen, pain talking – drin feststecken, wiederholen, festhalten?: “Don´t let what hurt you turn you in who you become, don´t let your wounds to push you in unbelief.” Das sollen wir als Zuhörer*innen verstehen, ins Herz fallen lassen, es wird kommentiert, lautstark gedankt und geklatscht. 

Der Satz “Why our beliefs matter…” ist im Gottesdienst zu spüren und zu erleben. Christlicher Glaube wird hier im besten Sinne zum Lebensmittel, zur Wochenration, bestärkt darin, dass Wunden nicht länger Zeichen eines Verlustes sind, sondern Zeugnis, am Leben geblieben zu sein. Es ist diese Energie und diese Kraft, die mich beeindruckt und gleichzeitig weiß hier jemand sehr genau, woher all die Wunden kommen, mit denen Menschen durchs Leben laufen. Empowerment, sich nicht klein kriegen lassen, sondern darauf vertrauen, dass Gott jede Tür aufbekommt, die wir selbst verschlossen haben. 

Es gäbe noch viel zu erzählen von dem einen Gottesdienst. Von der Musik und der Würdigung von Menschen, die sich für die Community einsetzen, der Mission Ministry, den zwanzig Frauen, die alle in weiß gekleidet sind, mit einer Rose am Revers und die heute geehrt werden dafür, dass sie sich im Namen der Gemeinde für die sozialen Belange einsetzen und ordentlich trommeln, damit Geld in die Projekte fließt. Es gäbe noch viel zu erzählen, wie die fünf neuen Mitglieder nach ihrer “New Member Orientation” im Gottesdienst offiziell willkommen geheißen werden und davon, dass viele Namen genannt werden, für die gebetet wird. 

Diese Gemeinde macht einen Unterschied. Für die Menschen, die sonntags in den Gottesdienst kommen, da bin ich mir sicher. Für den Stadtteil Harlem, in dem sich die Gemeinde als “Matthew 25 Church” versteht, zweifellos. Ansteckende Freude verbreiten, Verbindung schaffen, sich selbst anders verstehen, sich als Gemeinde Ziele setzen und sich durch Gott in ein anders Selbstbild hineinlocken lassen: Das kann Gottesdienst, das kann Gemeinde sein.

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