Diesen Blick auf den Himmel hat sich mir an einem Morgen der letzten Woche  gegen 7.30 Uhr geschenkt. Wolken, leicht rosa-rot errötet, flockig und zart, vor hellem Blau. Wäre ich nur ein paar Minuten später ans Fenster getreten, er wäre vorbei gewesen. Manchmal überkommt mich in solchen Momenten nicht nur die Dankbarkeit für die Schönheit dieses Moments, sondern auch die Einsicht, dass es Dinge gibt, die nur in diesem einen Moment Bestand haben und dann unwiederbringlich der Vergangenheit angehören. Es ist, als würde mich der Blick in die Wolken lehren, dass es vieles gibt, dass ich nicht kaufen, nicht wiederholen, nicht wiederbringen kann. Entweder nehme ich den geschenkten Augenblick wahr oder er ist ungesehen vorüber. 

Vom ersten Buch bis zum letzten Buch durchzieht die Aufforderung „Siehe!“ die Bibel. „Siehe, es war sehr gut!“ (Genesis 1,31) heißt es ganz zu Beginn als Wort der Schöpfungserzählung, die Hoffnung auf ein Ende des Leids und der Schmerzen wird im letzten Buch der Bibel mit derselben Aufforderung „Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5) als Gottes Wort ausgedrückt. 

Zu sehen, hinzuschauen, aufmerksam zu sein ist eine geistliche Praxis. Es ist eine Konkretion davon, aufmerksam einen „real time and real life“ Moment zu erleben. Was genau in so einem Moment geschieht, hat der Franziskanerpater Richard Rohr so ausgedrückt: „Du bist der Realität auf Augenhöhe begegnet anstatt vom Subjekt zum Objekt, vom Ich zum Du, vom Ich zum Es (…), du bist präsent, für das, was ist.“⁠1 Diese Wahrnehmung verändert die Perspektive, sie gibt dem, was ich sehe, eine eigene Würde, unabhängig davon, ob mir das, was ich sehe, etwas nützt, es zu etwas gut ist oder sonst irgendeine Funktion hat. Es ist zweck-los. „Du fühlst dich eher, wie ein Angesprochener als ein Ansprechender“, schreibt Richard Rohr. 

„Siehe!“ – die Aufforderung erneuert diesen Perspektivwechsel. Ich werde angesprochen, mich findet etwas, unverhofft. Für einen Moment, den ich nicht konservieren, aber erinnern kann. 

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1 Richard Rohr, Ganz da, München 2018, 105.

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