Mit Thomas A. haben wir anders sehen gelernt. Er zeigte uns die Straßenecken, Lüftungsschächte und Hauseingänge, in denen er in der Zeit seiner Obdachlosigkeit Zuflucht gefunden hatte. Von ihm wussten wir, wo sich das Sitzen auf dem Eisernen Steg für ihn bewährt hatte, wie es kam, dass er eines Nachts in dem damals noch bestehenden Hertie Kaufhaus auf der Zeil eingesperrt wurde und was er dort entdeckte und wer ihm mal ganze 50 EUR in den Hut gesteckt hat.
Manche Geschichten waren irre, manche rührten ans Herz, die Geschichten waren oft beides zugleich: Ein ungläubiges Kopfschütteln über das Schicksal, das einen Menschen treffen kann und ein ungläubiges Kopfschütteln, wie es jemandem gelingen kann, weg von der Strasse einen neuen Weg zu finden. Von ihm erfuhren wir, was es heißt, obdachlos und suchterkrankt zugleich zu sein. „Ich habe so viel Hilfe bekommen, ich will etwas zurück geben“, hat Thomas A. gesagt, als er die Studierenden und mich bei dem Diakonieprojekt der ESG, der Evangelischen Studierendengemeinde in Frankfurt, durch die Innenstadt geführt hat. Ich habe in meinem Leben kaum einen Menschen kennengelernt, der so eine Veränderungskraft in sich hatte und trotzdem er selbst geblieben ist. Mit seinem trockenen Hamburger Humor, ohne Scham und bisweilen mit derben Ausdrücken. Seine Geschichte zu erzählen, war seine Art, Danke zu sagen für die Hilfe, die er erfahren hat, beim Trockenwerden, bei der Wohnungssuche, beim Aufbauen von Freundschaften.
2021 habe ich das Diakonieprojekt mit Mitstreitern ins Leben gerufen, die Führung mit Thomas A. war seitdem der Auftakt dazu. Nun ist er gestorben. Dass Freunde und Kollegen eine Anzeige in die Frankfurter Rundschau gesetzt haben, berührt mich und beruhigt mich zugleich. Er ist nicht anonym gestorben wie viele, die ihr Leben auf der Strasse verbracht haben. Gott sei Dank. Ruhe in Frieden.
