Es war einmal eine weise Frau, die am Rande des Flussbettes saß. Und als sie gefragt wurde, wie sie dorthin gekommen sei, fing sie an zu erzählen:
Ich war ein junges Mädchen, damals, vor langer Zeit. Ich war schön, doch ich vertraute auf nichts. Nicht auf mich selbst, nicht auf andere. Immerzu war ich darauf bedacht, nicht jemanden brauchen zu müssen. Ich kam damit gut durchs Leben. Lernte, Hindernisse zu überwinden, mich durch schwierige Situationen hindurch zu schlängeln, mich so zu verstellen, bis ich selbst nicht mehr wusste, wer ich bin. Ich sagte: „Das gefällt mir.“ Und dachte: „Es ist so häßlich.“
Ich sagte: „Ich mag dich“ – und spürte, dass auch das Gegenteil wahr ist. Ich nickte zustimmend und gähnte innerlich.
Es fiel niemanden auf – nicht mir, nicht den anderen, nicht den Prinzen, den Schlosshunden, den Wachen. Wir spielten „bewohntes Schloß“. Doch dass die Turmuhr keine Spieluhr war, die dort zum Spaß die Lebenszeit anschlug, das wollte weder die junge Frau noch der Hofstaat wissen. Es wurden Feste gefeiert, Kinder geboren, Menschen starben und hin und wieder gab es Momente von Tiefe, von echten Tränen, von Berührungen unter der Haut.
Doch nie wurde aus diesen Momenten tragfähige Wege, sie verliefen irgendwann ins Leere und ihr Ende verwischte sich.
Eines Tages blieb die Uhr stehen. Mitten am Tag. Aus heiterem Himmel. Es wäre kaum jemandem aufgefallen, weil bewohntes Schloss zu spielen auch ohne eine reale Uhr gespielt werden konnte. Doch die Vögel wurden unruhig, als es nicht mehr zur Abendstunde klang und der Hefeteig wusste nicht weiter, weil er den halben Stundentakt verloren hatte und fiel in sich zusammen.
Das Zusammensinken des Teigs file in die Hände der nicht mehr ganz jungen Frau. Schlaff hing der Teig zwischen ihren Findern. An einen luftigen Hefeteig war nicht mehr zu denken.
Sie wurde traurig. Über den misslungenen Hefeteig, über das Leben, das an ihr vorbei gezogen war. Sie sah auf und sah sich um. Da erst bemerkte sie, dass die Turmuhr still stand, so wie ihr Leben auch.
Sie erschrak. Ohne ein Gefühl für ihre Lebenszeit, ohne das Gefühl, dass die Zeit kommt und geht, fühlte sie sich dem Steckenbleiben näher als dem Weitergehen.
Sie zog ihre Kleider und Schürzen aus und tauschte sie gegen eine Handwerkerhose. Sie besorgte sich eine Leiter, Werkzeug und ein Fläschchen Öl, um das Uhrwerk wieder ins Laufen zu bringen.
Von unten riefen ihr die Leute zu: „Was machst du da? Es ist doch gut, so zu tun, als wäre es das Leben, wozu brauchen wir eine reale Zeit? Wozu braucht es ein reales Leben?“
Ihr war das ganz egal. Sie schüttelte den Kopf. Soviel verlorene Lebenszeit, veronnen zwischen den Fingern. Sie wischte sich ein paar Tränen weg. Die Turmuhr schlug 11 Uhr. Spät, aber noch nicht zu spät. Sie packte das Nötigste ein, dann lief sie zum Fluss. Die Brücke trug. Vom anderen Ufer aus sah sie die Turmuhr. Sie hatte es geschafft.
