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Das habe ich (zu) lange geglaubt….

 

dass Qualität sich immer durchsetzt

dass man einen Beruf nur machen sollte, wenn er Freude bringt

dass das bessere Argument siegt

dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind

dass ein Kind stillen ein „muss“ ist oder lebenslanger Schaden droht

dass die Menschheit ein Interesse hat, die Erderwärmung zu stoppen

dass glauben ein „für wahr halten“ ist

dass ein Muss ein Muss bleiben muss und nicht diskutierbar ist

dass jeder Mensch, der mir nahe ist, die Welt so sieht wie ich

dass Bücher zu kaufen genauso schlau macht wie sie zu lesen

dass Menschen aus der deutschen Geschichte lernen

dass ich alles aus dem Glaubensbekenntnis mitsprechen können muss

dass es in einem Sozialstaat für alles eine (gute) Lösung gibt

dass Schreiben was für Genies ist

dass Frauen rücksichtsvollere Konkurrentinnen sind

dass einen Beruf zu haben mit Kompetenz gleichzusetzen ist

dass ich zu kompliziert bin

dass ein Ehevertrag ein Zeichen des Misstrauens ist

dass man mit Anpassung besser durchs Leben geht

dass ein Pornostar keinen US Präsidenten zu Fall bringen kann

dass wer Waffen fordert immer auf der falschen Seite steht

dass Menschen erkennen, wenn der Kaiser keine Kleider anhat

dass ab Kleidergröße 42 die Attraktivität schwindet und über 50 Jahre eh

dass es egal ist, ob man als Mann oder als Frau krank wird

dass Resilienz was für Weicheier ist

 

Heute haben manche dieser Grundüberzeugungen Sprünge bekommen. Als hätte ich eine Tasse zu oft hinfallen lassen, ein paarmal Glück gehabt, nun ist sie kaputt und ich kann die Scherben aufkehren. Manche der Glaubenssätze sind auch Bequemlichkeitssätze. Na, wenn das so ist, dann ist es ja egal, dass ich…. Bequemlichkeit und Verantwortung sitzen meistens nicht gerne zusammen in der ersten Reihe. Meistens gibt einer dem anderen den Vortritt und verkrümelt sich selbst nach hinten.

An manchen der Glaubenssätze hänge ich, weil sie meine Welt ordnen. Meistens in gut und schlecht und schwarz und weiß. Grau und „was dazwischen“ ist eher schwer auszuhalten. Und manchmal bin ich in dem grau auch schwer auszuhalten, vor allem für mich selbst. Für manche der Glaubenssätze habe ich Federn lassen müssen.

Es gibt Glaubenssätze über mich selbst und es gibt welche über die Welt. Letztere sind einfacher zu revidieren. Glaubenssätze über mich selbst kleben mit einer Hartnäckigkeit im Hirn, dass ich eine Menge Putzzeug brauche, um mich zum Kern der Sache durchzuschrubben. Wenn ich dann da bin, erkenne ich, in welchem Gebiet die Glaubenssätze zu Hause sind, eher im sumpfigen Gelände oder im undurchdringlichen Gebüsch. Meist geben sie sich nicht gerne zu erkennen und scheuen das Licht wie der Teufel das Weihwasser. Doch wenn man sie anschaut mit warmem Blick, dann schmelzen sie. Und wo sie waren bleibt ein Fleck. Zur Erinnerung. Und damit man nicht nochmal reintritt.

Entstanden in der Blognacht bei Anna Koschinschki am 31. Mai 2024 

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