Am 19. Januarwird in den USA der Martin Luther King Tag begangen. Der amerikanische Nationalfeiertag wird immer am 3. Montag im Januar begangen, in der Nähe seines Geburtsdatums, 15. Januar. Vor einem Jahr, 2025 ist Trump genau an diesem Tag in sein Amt eingeführt worden. Dieses Jahr gibt es auf Anweisung des US-Präsidenten Donald Trump es am „Martin Luther King Day“ (19. Januar) erstmals keinen freien Eintritt in US-Nationalparks. Der diesjährige Akt macht symbolisch deutlich, dass für ihn die USA das Land des weißen Mannes ist. Denn er gilt, auch lange nach seinem Tod, als eine Identifikationsfigur für die Bürgerrechtsbewegung und die afroamerikanische Bevölkerung.
1967 hat Martin Luther King eine Rede gehalten: The three evils. Er hat diese Rede vor der National conference of new politics in Chicago gehalten. Er hat über die drei Übel gesprochen, die seiner Meinung nach die Gesellschaft spalten: Rassismus, Materialismus und Militarismus. Er sagt: Ich vermute, dass wir derzeit das Auftauchen einer dreifachen Krankheit erleben, die seit den Anfängen unserer politischen Ordnung in unserem Staatswesen schlummert. Das ist die Krankheit des Rassismus, des exzessiven Materialismus und des Militarismus. Dies ist nicht nur das Dilemma unserer Nation, sondern die Plage der westlichen Zivilisation.
Als ich das gelesen habe, dachte ich, diese Worte sind so aktuell wie vor fast 60 Jahren. Was wir derzeit erleben, ist genau da: Ein exzessiver Materialismus, der meint, alles kaufen zu können (und sei es eine Insel, die zu einem Land dazu gehört). Ein Militarismus, der sich gebiert wie ein Kleinkind, und ein Rassismus, der Menschen einteilt und ihnen unterschiedliche Rechte zuweist. Die Worte von MLK sind beides: prophetisch und erschreckend apokalyptisch. Martin Luther King hat diese Rede vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges geschrieben. Es war ein Stellvertreterkrieg inmitten des Kalten Krieges. Und auch damals waren es die Abkommen, die Verträge, der Multilateralismus, die unter die Räder kamen.
Er spricht weiter: Die letzte Phase unserer nationalen Krankheit ist der Militarismus. Nichts zeigt den Missbrauch der Militärmacht durch unsere Nation deutlicher als unser tragisches Abenteuer in Vietnam. Dieser Krieg hat das Schicksal der ganzen Welt zerstört. Er hat das Genfer Abkommen zerrissen, die Vereinten Nationen ernsthaft geschwächt, den Hass zwischen den Kontinenten und, schlimmer noch, zwischen den Rassen verschärft. Er hat unsere Entwicklung im Inland behindert und unseren eigenen benachteiligten Bürgern gezeigt, dass wir unersättliche militärische Anforderungen über ihre dringenden Bedürfnisse stellen. Er hat erheblich zu den reaktionären Kräften in Amerika beigetragen und den militärisch-industriellen Komplex gestärkt. Und er hat Vietnam praktisch zerstört, Tausende amerikanischer und vietnamesischer Jugendlicher verstümmelt und entstellt und die ganze Welt der Gefahr eines Atomkrieges ausgesetzt. Vor allem aber hat der Krieg in Vietnam offenbart, was Senator Fulbright als „die Arroganz der Macht unserer Nation” bezeichnet.
Sehr weitsichtig sind diese Beobachtungen formuliert: Sich bereichern auf Kosten der anderen ist eine Gefährdung für die sozialen Frieden. Wirtschaftliche Ungerechtigkeit gelingt nur durch eine Umverteilung von politische rund wirtschaftlicher Macht. Ich frage mich: Was macht diese Rede so stark?
Ich meine, es ist die Haltung, die aus der Nachdenken über das Handeln Jesu erwachsen ist, die zu so einer klaren Haltung gegenüber Ungerechtigkeit, Macht und Unfrieden führt. Martin Luther King hat einen inneren Seismografen entwickelt, der ihn in die Lage versetzt, seine Welt, seine Umwelt, vor diesem Hintergrund zu sehen und auch zu beurteilen. Ein Kernpunkt seines Denkens war, von der Gemeinschaft her zu denken, von der versöhnten Gemeinschaft. Ihm ging es nicht darum, der moralisch perfekte Einzelne zu sein, sondern immer wieder diese versöhnte Gemeinschaft als biblische Vision im Blick zu behalten. Ein anderer Kernpunkt ist seine eschatologische Dimension, des schon jetzt und noch nicht, verbunden mit dem Vertrauen, dass das Unrecht nicht das letzte Wort hat.
Ich merke an solchen Punkten, wie dankbar ich dafür bin, dass wir dies biblischen Traditionen der prophetischen Sozialkritik, die Seligpreisungen, Brich dem Hungrigen dein Brot alle diese Glaubenszeugnisse haben. Und Menschen, die Zeugnis dafür ablegen. Diese Dimension von Kirche sein, von Glaubensgemeinschaft, begegnet mir im Klein-Klein des kirchlichen Alltages sehr selten. In dem Ordinationsversprechen ist das mit aufgenommen: Auch wenn Leid und Verzicht dir auferlegt werden gilt dir die Zusage von Jesus Christus. Dass sich der Glaube auch angesichts von politischen Verhältnissen bewahren und bewähren muss, macht mir manchmal Angst und ich frage mich, was heißt das heute und hier? (Es ist ja auch immer einfacher, im Moment in die USA zu schauen.)
Ich habe da viele Fragezeichen. Und für einen geschmeidigen Andachtstext passt es ohnehin nicht. Doch eins ist und bleibt für mich wichtig: Dieses Zeugnis, dieses biblische Fundament, schützen mich vor dem Zynismus „die Menschen haben es nicht anders verdient“ und der Gleichgültigkeit des „es ist ja doch alles egal“. Die biblische Hoffnung ist nicht die Absicherung des Status Quo. Sie erwartet das, was nach der Überzeugung des Glaubens von Gott wahrhaftig verheißen sind.
Ich bin dankbar für die biblischen Bilder vom Salz der Erde, die Seligpreisungen, das Benennen von Unrecht, von Machtmissbrauch im Vertrauen darauf, dass dies nicht Gottes Willen ist. Wer will, das die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht, das sie bleibt“. Dies Wort von Erich Fried fasst das gut zusammen.
Ich frage mich: Was wäre eigentlich, – oder wie wäre ich eigentlich? Wenn ich nicht daran glauben könnte, dass Gott anders mit uns Menschen vorhat als Macht und Gewalt? Was, wenn ich nicht daran glauben könnte, dass barmherzig zu sein gottgewollt und menschenfreundlich ist? Was wäre, wenn ich nicht daran glauben könnte, dass es eine bessere Welt gibt, als die, die wir haben? Was wäre, wenn ich nicht daran glauben könnte, dass das, was ist, nicht alles ist…?
Das mag und kann ich mir nicht vorstellen. Deshalb halte ich mich an die Bilder und Zeuginnen und Zeugen, die ich habe und entdecke.
