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Kreativität geschieht, wenn ich Zeit habe dafür. So vermute ich es, so habe ich es immer gedacht, es ist ein Glaubenssatz von mir. Doch meistens kommt es nicht soweit. Die Kreativität geht unter wie ein leckes Schiff, weil der Alltag mit seinen Wellen darüber bricht. Um kreativ zu sein, brauche ich Zeit und innere Ruhe. Oder bilde ich es mir nur ein? Es gibt ein großes Bedürfnis nicht nur erledigen und funktionieren zu müssen, sondern nach ausprobieren. Dazu braucht es Zeit. Ein Raum dafür ist der Garten. Jetzt im Frühling ruft er mich. Zeit verlieren dürfen. Dieses Gefühl vermisse ich. Mein Tag ist durchgetaktet. Mein Gehirn auch. Zeit verlieren dürfen heißt nicht auf die Uhr schauen müssen. Stattdessen: Die Hände bloß nicht dreckig machen, weil zum Saubermachen keine Zeit ist. Den Stift bloß nicht rausholen, weil die Bücher so schnell gar nicht mehr aufgeräumt und die Gedanken wieder zusammen gerufen werden können. Ich beschäftige mich mit planen, vorausplanen. Ich bin wie ein Eichhörnchen, das im Herbst schon an den Winter denkt. Nur, dass ich es das ganze Jahr über mache.

Es ist Zeit, dass ich die Uhren umstelle. Minuten gibt es nicht mehr, es werden nur noch die vollen Stunden gezählt. Und das auch nicht mehr 24 Stunden am Tag lang, sondern nur noch zu ausgewählten Zeiten. Ansonsten weiß ich nicht mehr, was die Uhr geschlagen hat.

Es ist Zeit, Zeit zu verlieren. Ich kann es mir nicht in den Stundenplan schreiben, aber hinter die Ohren. Ich kann aber Luftschlösser im Stundenplan einbauen, bunt und groß, dass ich sie nicht mehr übersehen kann. Dann kann ich eintreten in rosa Gartentüren und schließe das eine Zimmer auf, in dem keine Uhr steht und setze mich hin und schreibe. Es ist Zeit, auf dem Erdboden die Zeit abzulesen, ist die Erde noch winterhart oder traut sich schon ein Schneeglöckchen heraus? Auch in meinem Gesicht und den Gesichtern um mich herum kann ich die Zeit ablesen: Gibt es Falten, die gestern noch nicht da waren? Deuten sie auf Lachen oder auf Weinen hin? Es ist Zeit, die Uhren umzustellen, sie mit Tüchern zu verhängen. Jedenfalls manchmal oder immer wieder. Ich stelle mir selbst ein Rezept aus zum auf die Erde gucken und in den Himmel und in mein Gesicht und das der anderen. In der Pfütze spiegeln sich die zurückkommenden Kraniche. Ach, denke ich, schaue nach oben und sehe die kunstvoll bewegte Dreiecksformation und höre ihre Schreie. Es ist schon fast wieder Frühling geworden. Beinahe hätte ich es nicht mitbekommen.

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